Präsident des Bundesverwaltungsgerichts nimmt zur Asylgesetzgebung Stellung

In sei­ner An­spra­che aus An­lass des Jah­res­pres­se­ge­sprächs des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts in Leip­zig äu­ßer­te sich des­sen Prä­si­dent Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Ren­nert zur ak­tu­el­len Asyl­ge­setz­ge­bung aus der Sicht der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit.

Der Zu­strom an Asyl­su­chen­den und Flücht­lin­gen er­for­dert nicht nur zahl­rei­ches zu­sätz­li­ches Per­so­nal beim Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge, son­dern auch bei den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten. Prä­si­dent Ren­nert be­grüß­te, dass die meis­ten Län­der auf die­sen zu­sätz­li­chen Be­darf mit Neu­ein­stel­lun­gen re­agier­ten; da­durch werde der jah­re­lan­ge Per­so­nal­ab­bau in der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit ge­stoppt und die über­fäl­li­ge Ver­jün­gung der Rich­ter­schaft ein­ge­lei­tet. Ren­nert kri­ti­sier­te frei­lich, dass ein­zel­ne Län­der statt­des­sen Be­am­te für ei­ni­ge Jahre zu „Rich­tern auf Zeit“ mach­ten. Das Rich­ter­amt müsse um der rich­ter­li­chen Un­ab­hän­gig­keit wil­len auf Le­bens­zeit ver­lie­hen wer­den; hier­von dürfe nur in sel­te­nen und eng um­grenz­ten Aus­nah­me­fäl­len – etwa zu Aus­bil­dungs­zwe­cken – und je­den­falls nicht nach dem Satz „Not kennt kein Gebot“ ab­ge­wi­chen wer­den.

Prä­si­dent Ren­nert plä­dier­te fer­ner dafür, die über­mä­ßi­gen Rechts­mit­tel­be­schrän­kun­gen im Asyl­pro­zess zu über­den­ken. Der­zeit ent­schei­det in asyl­recht­li­chen Eil­sa­chen ein Ein­zel­rich­ter; gegen seine Ent­schei­dun­gen ist kein Rechts­mit­tel mög­lich. Das führt zu einer er­heb­li­chen Un­ein­heit­lich­keit der Recht­spre­chung, was nicht nur die Recht­su­chen­den und die Be­hör­den, son­dern auch die Ein­zel­rich­ter selbst ver­un­si­chert. Ren­nert schlug vor, den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten zu er­lau­ben, in Eil­sa­chen die Be­schwer­de und in Kla­ge­ver­fah­ren die Be­ru­fung zum Ober­ver­wal­tungs­ge­richt und die Sprung­re­vi­si­on zum Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zu­zu­las­sen. Das werde zu einer re­la­ti­ven Ver­ein­heit­li­chung der Recht­spre­chung bei­tra­gen und die Ver­fah­rens­dau­er der Asyl­pro­zes­se aufs Ganze ge­se­hen ver­kür­zen.

Schließ­lich nahm Ren­nert zu der im po­li­ti­schen Raum dis­ku­tier­ten Frage Stel­lung, ob die Zu­stän­dig­keit für Ab­schie­be­haft­sachen von den or­dent­li­chen (Zi­vil- und Straf-) Ge­rich­ten auf die Ver­wal­tungs­ge­rich­te ver­la­gert wer­den soll­te. Grund­sätz­lich spricht für die Ver­la­ge­rung, dass in Ab­schie­be­haft­sachen das Auf­ent­halts­ge­setz und das Asyl­ge­setz an­zu­wen­den sind, also Ge­set­ze, für die auch sonst al­lein die Ver­wal­tungs­ge­rich­te zu­stän­dig sind, die hier eine be­son­de­re Sach­kun­de be­sit­zen. Al­ler­dings bil­den die Amts­ge­rich­te ein flä­chen­de­cken­des Netz von Haft­ge­rich­ten; es ist wenig sinn­voll, eine par­al­le­le In­fra­struk­tur von Ver­wal­tungs­ge­rich­ten auf­zu­bau­en. An­ge­sichts des­sen schlug Ren­nert vor, die Zu­stän­dig­keit der Amts­ge­rich­te für die An­ord­nung von Ab­schie­be­haft bei­zu­be­hal­ten, die Nach­prü­fung der An­ord­nung auf Be­schwer­de hin aber den sach­kun­di­ge­ren Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­ten und dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zu über­tra­gen.